Smiling man in a blue hiking shirt and gray cap takes a selfie against a stone wall with mountains and a cloudy sky behind him.

Swiss Canyon Trail 2026 — 83 km, 3’350 Hm, 16 Stunden Leiden

Freitagabend, Zug von Solothurn nach Buvette. Die SBB hatte — natürlich — Verspätung. Ankunft kurz vor halb zehn, direkt ins Massenschlag, im Dunkeln reingeschlichen, weil zwei Mitläufer schon schliefen. Was dann folgte, kennen wohl alle Ultraläufer: Augen auf, Gedankenkarussell auf Vollgas, alle fünf Minuten auf die Uhr schauen. Um drei Uhr war ich schliesslich selbst vor dem Wecker draussen — gut vier Stunden vor dem Start. Bestens erholt also.

Shuttlebus-Roulette und Pflichtausrüstung

Beim Treffpunkt: ein Franzose, ein Belgier, ich. Gemeinsam gut zwanzig Minuten in die Dunkelheit gestarrt und gewartet, ob der Shuttlebus überhaupt kommt. Er kam.

Beim Startgelände dann zum ersten Mal in meiner Ultrakarriere: echte Pflichtausrüstungskontrolle. Alles dabei? Alles dabei. Gut.

Km 0–12: Wer bremst, verliert (sich selbst)

Um 05:00 Uhr starteten die 100er. Um 06:00 Uhr dann wir — die 80er, offiziell. Real dann halt 83 km und 3’350 Höhenmeter beim Swiss Canyon Trail.

Die ersten Kilometer flach, Morgenkühle, Adrenalin, das Feld noch eng zusammen. Pace: 5:47, 5:53 — für eine erste flache Stunde ganz okay, eigentlich. Für einen 80-Kilometer-Tag: eindeutig zu schnell. Das weiss man natürlich. Macht man trotzdem.

Ab Kilometer 13 beginnt der erste Ernst: steile Anstiege, 126 bis 167 Höhenmeter pro Kilometer. Die Pace explodiert auf 13, 14, 15 Minuten — das ist kein Laufen mehr, das ist zügiges Bergwandern mit viel Schwitzen. Die Beine noch frisch, oben kurz die Aussicht genossen, dann runter, dann gleich wieder rauf. Alles nach Plan.

Km 40–41: Die strategische Pause (47 Minuten)

Um etwa zwölf Uhr, Checkpoint bei Kilometer 40, nach knapp sechs Stunden. Der Bauch fängt an zu melden, dass er andere Pläne hat. Energielevel: relativ tief. Die Idee: kurz hinlegen, Magen beruhigen, Nahrung aufnehmen, weiter.

Was dann wirklich passierte: Kilometer 41 dauerte 47 Minuten. Pace: 47:21 min/km. Herzfrequenz: 102. Das ist weniger Laufen als ein gemütliches Schläfchen mit GPS-Tracking.

Dabei hatte ich das eigentlich schon mal gelernt. Beim Walk the Lake einen Monat früher war es der Puls, der alles ins Rollen brachte — 165, 175 bpm bei ganz gemütlichem Tempo, Körper im roten Bereich, Magen streikt, Ende der Geschichte. Damals schrieb ich mir hinter die Ohren: Puls im Auge behalten. Zu früh starten kostet dich den Magen. Ich wusste es also. Und trotzdem stand ich vier Wochen später wieder bei Kilometer 40 mit dem exakt gleichen Problem — diesmal nur mit mehr Höhenmetern drumherum.

War ein bisschen zu viel Hoffnung, dass das hilft. Aber man lernt. Anscheinend mehrmals.

Die grosse Diät

Was dann folgte, lässt sich so zusammenfassen: alles, was reinging, kam wieder raus. Der Reis brauchte etwa eineinhalb Stunden. Die Raviolis waren deutlich schneller. Mit der Zeit entwickelte ich eine Art Affinität für diesen Prozess — es ging danach immer kurz besser, fast schon euphorisch. Hauptnahrungsmittel ab Hälfte: Cola. Energiestrategie: Hoffnung.

Bei Kilometer 54 nochmal 26 Minuten für einen Kilometer. Bei Kilometer 60: 36 Minuten, 144 Höhenmeter, Herzfrequenz 104. Das GPS fragte sich sicher, ob das Gerät noch lebt.

Kilometer 74: Der Hügel

Der letzte grössere Anstieg kam bei Kilometer 74. Ein Kilometer, 200 Höhenmeter, Pace 28:41. Das ist kein Laufen, das ist ein Existenzkampf in Zeitlupe. Ich habe tatsächlich daran gezweifelt, ob ich das noch ins Ziel schaffe. Es wurde langsam dunkel. Die letzte ordentliche Mahlzeit war Stunden her.

Dann rief meine Tochter an. Sie wartete im Ziel auf mich.

Das hat für etwa eine Dreiviertelstunde gereicht. Dann war auch das Motivationskonto leer, und die restlichen Kilometer wurden zu dem, was sie waren: schnelles Spazieren mit Stirnlampe und gelegentlichen Pausen für unerwünschte Körperfunktionen.

22:15 Uhr. Ziel.

83.44 km. 3’350 Höhenmeter. 16 Stunden 16 Minuten. Durchschnittspace 11:42. Durchschnittliche Herzfrequenz 129. Aussehen: Zombie. Gefühl: mixed.

Was ich mitgenommen habe

  • Zu schnell gestartet — 5:47 in Kilometer 2 ist bei 83 km und 3’350 Hm keine Investition, das ist Raubbau.
  • Der Magen braucht Pflege ab Kilometer eins, nicht erst wenn es zu spät ist.
  • Cola ist ein Notfallplan, kein Rennplan.
  • 47 Minuten für einen Kilometer sind der persönliche Rekord, den ich nicht wiederholen will.
  • Der Anruf meiner Tochter war das Beste an diesem Tag.