Es gibt diese Läufe, die vergisst man nie.
Nicht wegen der Medaille. Nicht wegen der Zielzeit. Sondern weil sie einem den Stecker ziehen wie ein billiges Verlängerungskabel im Regen.
Der Walk the Lake 100 war genau so ein Tag.
Eigentlich fühlte ich mich bereit. Nicht perfekt vorbereitet – die langen Läufe mussten wegen eines zwickenden Sartorius gestrichen werden und die letzten 10 Tage vor dem Start machte ich praktisch gar nichts mehr – aber trotzdem hatte ich das Gefühl:
10–11 Stunden? Könnte heute drinliegen.
Spoiler:
War es nicht.
Der Start: Sonne, Euphorie und ein Puls aus der Hölle
14:00 Uhr: 25°C. Strahlender Sonnenschein. Kein Wölkchen. Perfektes Wetter – wenn man irgendwo Apero trinkt. Weniger perfekt für 100 km Asphalt rund um einen See.
Zusammen mit Nico lief es zunächst richtig gut. Lockerer Pace um die 6 Minuten pro Kilometer, Gespräche problemlos möglich, Stimmung top.
Nur mein Puls hatte offenbar andere Pläne.
Nach 30 Minuten bereits über 150.
Dann 165.
Dann teilweise 175.
Und das bei gemütlichem Tempo.
Ich dachte zuerst, der Brustgurt hätte endgültig beschlossen, in Frühpension zu gehen. Aber nein. Der Puls meinte das ernst.
Heute weiss ich: Der Körper war von Anfang an im roten Bereich. Ich hatte die letzten acht Monate praktisch ausschliesslich in den kühlen Morgenstunden trainiert. Mein Körper kannte vieles – Höhenmeter, Müdigkeit, frühes Aufstehen – aber keine Hitze.
Und genau dort begann der schleichende Untergang.
Kilometer 36: Der Magen kündigt
Ab km 25 wurde es langsam unangenehm. Dann richtig unangenehm.
Der Magen machte dicht. Komplett. Essen ging nicht mehr. Trinken auch nicht. Ich kannte das Gefühl bereits von langen Läufen und dachte noch relativ optimistisch:
„Easy. Cola regelt das.“
Tat sie nicht. Es wurde schlimmer. Viel schlimmer.
Bei km 37 kamen die ersten Krämpfe. Klassiker: zu wenig Elektrolyte. Ein Mitläufer half spontan mit Salztabletten aus. Auch das: ohne Erfolg.
Und dann kam die Wade.
Der Moment, an dem einfach Schluss war
Ich wollte mich kurz auf eine kleine Mauer setzen, um den Krampf zu dehnen.
Zack.
Innerhalb einer Sekunde verwandelte sich meine Wade in einen Betonpfeiler aus purem Hass. Ich habe geschrien. Wirklich geschrien.
Dann wurde mir heiss im Kopf.
Und das nächste, woran ich mich erinnere: Ich wache am Boden auf.
Währenddessen war ich übrigens die ganze Zeit mit meiner Mutter am Telefon. Parallel dazu verschickte meine Garmin automatisch eine Unfallmeldung an meine Frau. Immerhin weiss ich jetzt, dass diese Benachrichtigung auch wirklich funktioniert.
Sagen wir mal so:
Die allgemeine Stimmung im Umfeld war kurzfristig leicht angespannt.
Die längsten 3 Kilometer des Tages
Damit war klar: Das Ding ist vorbei. Ich habe noch ganz kurz mit dem Gedanken gespielt die restlichen 60 km zu spazieren, doch in anbetracht meiner anfänglichen Erwartungen schien mir das wenig sinnvoll.
Noch 3 km bis zum nächsten Posten – normalerweise nichts.
In diesem Zustand fühlte es sich an wie eine Wüstenexpedition ohne Wasser, Orientierung und Lebenswillen.
Ich schleppte mich irgendwie dorthin.
Dort gab’s dann das volle VIP-Programm:
- Sanitäter
- Blutdruck messen
- Wadenmassage
- Sitzen
- Warten
- Brechen
Vor allem brechen.
Der Körper war komplett im Shutdown.
Mit diesem hohen Puls über Stunden stellte der Magen schlicht seine Arbeit ein. Keine Aufnahme von Flüssigkeit. Keine Elektrolyte. Keine Energie. Danach kamen Krämpfe, Dehydration und irgendwann die Ohnmacht.
Der Körper ist brutal logisch.
Die Nacht danach
Zu Hause begann das langsame Wiederhochfahren des Systems.
Irgendwann gegen 3 Uhr morgens hörte ich die ersten zaghaften Blubbergeräusche im Bauch. Noch nie war Darmaktivität emotional so bedeutungsvoll.
Um etwa 1 Uhr konnte ich endlich den ersten kleinen Schluck Wasser behalten. Bis 4 Uhr hatte ich ungefähr 250 ml getrunken.
Und noch eine Zahl, die einiges erklärt:
Das letzte Mal pinkeln vor dem Kollaps: Samstag, ca. 16 Uhr. Das nächste Mal: Sonntagmorgen, 9 Uhr.
Ja. Da hat etwas gefehlt.
Und trotzdem: Kein Drama
Bin ich enttäuscht?
Ehrlich gesagt: nicht wirklich…. ok, ein kleines bisschen.
Natürlich wollte ich finishen. Natürlich wollte ich eine starke Zeit laufen. Aber ich habe mein Bestes gegeben – mit dem Wissen und der Vorbereitung, die ich hatte.
Dass Hitzetraining eben auch Training ist, weiss ich jetzt ziemlich eindrücklich. Und manchmal ist Aufgeben keine Niederlage, sondern einfach die vernünftigste Entscheidung, die man treffen kann.
Vor allem wenn der Körper bereits sämtliche Warnlampen gleichzeitig aktiviert hat.
Was bleibt
Ultras faszinieren mich genau deshalb.
Weil sie nie nur Beine testen. Sie testen Ernährung. Hitze. Kopf. Ego. Geduld. Entscheidungen. Anpassungsfähigkeit.
Und manchmal lernt man an einem DNF mehr als an zehn erfolgreichen Rennen.
Was ebenfalls bleibt: Dankbarkeit.
Mein Bruder hatte eigentlich geplant, mich in Zürich auf den letzten Kilometern mit dem Velo zu begleiten und ins Ziel reinzunehmen. Stattdessen wäre er sofort losgefahren, um mich irgendwo unterwegs einzusammeln.
Meine Mutter sowieso.
Und natürlich meine Frau – die dank Garmin vermutlich kurzzeitig dachte, ich liege im See.
Das bedeutet mir viel.
