Bergpanorma

Sonnenuntergang auf dem Stockhorn

Ein klarer Herbstsamstag. Nicht zu heiss, nicht zu kalt – einfach perfekt. Genau die Art von Nachmittag, an dem man weiss: Heute geht was. Ziel: ein Run aufs Stockhorn.

Der Startpunkt ist das kleine Dörfchen Oberstocken, tief unten am Fuss des Berges. Im Gepäck: Stöcke, genug Wasser und – diesmal ganz professionell – ein Sandwich. Dann geht’s los.

Der Aufstieg kennt kein Erbarmen. Steil, lang und konsequent bergauf. Sieben Kilometer, auf denen man mal eben 1’500 Höhenmeter sammelt – von 650 auf 2’180 Meter. Der Weg schlängelt sich zunächst durch dichte Nadelwälder, immer höher, immer ruhiger. Auf etwa 1’600 Metern ist dann Schluss mit Bäumen. Übrig bleibt nur noch dieser massive, steinige Koloss. Von unten sieht es ehrlich gesagt eher nach Klettertour aus als nach einem Lauf – als wären Seil und Helm die logischere Wahl als Stöcke und Laufschuhe.

Doch der Wegweiser bleibt freundlich und zeigt unbeirrt nach oben. Und tatsächlich: Hinter jeder Kurve öffnet sich ein neuer Pfad. Schritt für Schritt, Höhenmeter für Höhenmeter.

Nach knapp zwei Stunden stehe ich oben. Gipfel erreicht. Vor mir die gläserne Aussichtsplattform – unter mir der Thunersee, weit vorne das Mittelland und am Horizont die Jurakette. Im Rücken die imposanten Viertausender, die im orangen Abendlicht der Sonne glühen. Und dann: perfektes Timing. Die Sonne senkt sich langsam im Westen, färbt Himmel und Berge rot und verschwindet schliesslich hinter den Gipfeln. Ich gönne mir ein paar Minuten, ein paar Bissen Energie – und einfach diesen Moment.

Dann wird umgebaut: Stirnlampe montieren, Fokus setzen, los geht’s bergab. Downhill ist immer ein kleines Geschenk. Ich versuche, das letzte Tageslicht mitzunehmen, doch die Dunkelheit holt mich schneller ein als gedacht. Bald erhellt nur noch ein kleiner Lichtkegel den schmalen Pfad. Gerade genug zum Rennen – gerade wenig genug, um es spannend zu halten.

Navigation im Dunkeln, im alpinen Gelände, ist eine ganz eigene Liga. Neues Terrain. Zwar ist die Route auf meiner Garmin Fenix 7 geladen, aber wenn der Weg plötzlich nur noch ein zarter Trampelpfad im hohen Gras ist, reicht ein kurzer Moment Unachtsamkeit – und schon stehe ich irgendwo auf einer Wiese, definitiv nicht dort, wo ich sollte.

Nach rund drei Stunden meldet sich der Magen deutlich. Leer. Und wieder bestätigt sich eine alte Erkenntnis: Gels und Riegel sehen zwar gut aus, aber echtes Essen gewinnt. Zwischen schlafenden Kühen esse ich Brot und Aufschnitt, sammle Kräfte – und laufe weiter.

Ein-, zweimal verpasse ich noch den richtigen Abzweiger. Dann, irgendwann, taucht das Auto im Dunkeln auf. Müde Beine, leerer Kopf, breites Grinsen. Glücklich.

Stockhorn: Du warst es wert.